03 Arch.

Das Architektonische der Disziplin vs.

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Städtebau ist für uns eine Disziplin der Architektur. Wir vertreten eine Position des Städtebaus, die vom gebauten Raum ausgeht. In unseren Arbeiten nutzen wir die narrativen Qualitäten des Stadtraumes und seiner Architekturen. Grundlage für den Umgang mit der Stadt ist ein Städtebauverständnis, das die Planung der Stadt als Teil der Baukunst und nicht vorrangig als Strukturplanung begreift. So ist das Wissen um Typologien, um Raumkonzeptionen und Diskurse über Geschichte und Ort das vorrangige Handwerkszeug unserer Arbeit. In Modellen, Zeichnungen und Animationen setzen wir uns mit der Wahrnehmung des Raums auseinander, schärfen unsere Sinne, um ausdrucksstarke Räume zu schaffen.
Wenn wir am Primat des physischen, erlebbaren Raumes auch im Städtebau festhalten, so verkennen wir nicht den interdisziplinären Charakter, den die Stadt als Arbeitsfeld aufweist. Um in Stadträumen zu arbeiten, die zunehmend von Fragmenten und Brüchen, aber auch von Infrastruktureinrichtungen, von politischen und sozialen Interessen bestimmt sind, ist es unabdingbar geworden, in einem interdisziplinären Arbeitsprozess, die verschiedenen Aspekte abzuwägen, um sie im Idealfall in einem städtebaulichen Entwurf integrieren zu können.

Wurzeln des Städtebaus
Traditionell hat die städtebauliche Planung schon immer zwei Wurzeln: zum einen die Strukturplanung, die die ökonomischen, sozialen und infrastrukturellen Bedingungen des städtebaulichen Wachstums planen will und sich aus der Sozialreform des 19. Jahrhunderts entwickelte, und zum anderen die Stadtbaukunst. Letztere hat unter dem Einfluss von Camillo Sittes „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ dazu beigetragen, dass aus einer Ingenieur- eine Architekturdisziplin wurde. Wie die „Arts and Crafts“-Bewegung war auch Sittes Buch eine Reaktion auf die zunehmende Modernisierung. Die neuen technischen Errungenschaften wie Elektrifizierung, die Eisenbahn oder die Kanalisation, aber auch die neuen Kenntnisse der Wissenschaften etwa zur Hygiene erhöhten die Anforderungen und die Komplexität für die Stadtplanung. Städtebau als junge Disziplin erschien als die richtige Lösung und der Anspruch der Architektur, Stadt planen zu können, was die „heroische Moderne“ des 19. Jahrhunderts ins Absurde führte, war formuliert.

Neue Disziplinen
Im Gegenzug setzte seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts eine Spezialisierung ein. Um den immer höheren Ansprüchen der Planungen gerecht zu werden, bildeten sich neue Disziplinen heraus. Während technische Disziplinen wie die Verkehrsplanung durch eine weitere Ausdifferenzierung entstanden, entwickelten sich andere Disziplinen, wie Stadtsoziologie, Ökologie und Klimaforschung als Reaktion auf gesellschaftliche Kritik und die damit gestiegenen Anforderungen an die Stadtplanung.
Jeder Kritikpunkt an der Planung wurde anschließend als neuer Aspekt in die Planung inkludiert. In der Konsequenz ist die Stadtplanung nie aus dem totalitären Anspruch der Moderne, die Stadt als Ganzes zu planen, entlassen worden. Um diese komplexen Abwägungsprozesse zwischen den Interessen, Funktionen und Disziplinen innerhalb der Planung zu bewerkstelligen, musste der Anspruch, eine konsistente räumliche Idee für die Stadt im Sinne des Städtebaus zu formulieren, de facto aufgegeben werden. Die Planung der Stadt wurde in der Folge reduziert auf eine Überlagerung funktioneller mit territorialer Logik. Städtebau und Architektur verloren an Bedeutung.

Die Stadt als gebautes Artefakt kann oft nicht mehr als Architektur verstanden werden. Von der autogerechten Stadt, der Großsiedlung bis zur kompakten Stadt sind seit der Nachkriegsmoderne immer wieder neue städtebauliche Leitbilder entstanden, und das in immer schnellerer Taktung. Ein verzweifelter Versuch, den Bedeutungsschwund des Städtebaus aufzuhalten. Vorstellungen, die gebaut und wieder verworfen wurden. Zurückgeblieben sind Gebäude, Infrastrukturen und ganze Siedlungen als Manifestationen dieser jeweiligen Stadtbilder, die nebeneinander im Stadtraum stehen und die städtebauliche Lesbarkeit des Raums erschweren.

Fragmentierte Räume, vielschichtige Urbanität
Unsere Generation ist in diesem fragmentierten Raum aufgewachsen. Die Grenzen zwischen Stadt und Land waren bereits verwischt und in unserer Wahrnehmung Deutschland schon immer eine urbanisierte Stadtlandschaft. Mit dem Fall der Mauer und mit Schengen verschwanden weitere Grenzen und das Netz der Autobahnen erschloss nach und nach ganz Europa.
Die Vielschichtigkeit des urbanisierten Raums hat seinen Reiz. Wir würden dabei nicht blind, wie Kazuo Shinohara in „The Beauty of Chaos“ die zeitgenössische Stadt verherrlichen. Aber die Vitalität dieses Chaos übt auch auf uns eine Faszination aus. Allerdings wissen wir um die Zerbrechlichkeit der Konstruktion. Der Raum in seiner Komplexität ist Spiegel unserer hedonistischen Lebensweise. Dabei möchte niemand auf unsere bisherigen Errungenschaften und Freiheiten verzichten und doch ist uns bewusst, dass unsere weiter zunehmende Mobilität die Landschaft zerschneidet, den Raum fragmentarisiert und die Natur als unsere Lebensgrundlage massiv angreift.

Städtebau und Architektur
Warum also Städtebau als architektonische Disziplin? Im Zuge unserer Arbeit als Architekt*innen setzen wir uns bewusst mit den Architekturelementen auseinander. Tür oder Fenster, Dach oder Bordstein, Straße oder Platz: Jedes dieser Elemente ist als Teil der Konstruktion nicht nur notwendig; in ihnen sind auch wesentliche Konventionen verankert. Vereinbarungen also, die wir einsetzen können, um unsere Arbeit für die späteren Nutzer*innen lesbar zu machen. Die wir aber auch ständig hinterfragen müssen, um mit den Konventionen die Sprache der Architektur weiterzuentwickeln. Technisches Wissen, handwerkliche Fertigkeiten müssen sich kontinuierlich weiterentwickeln, um die Elemente der Architektur immer wieder an die steigenden Ansprüche anzupassen. Die Fügung der Elemente wird zur Herausforderung. Dabei steht die technische Perfektion nicht mehr im Vordergrund. Die notwendige Toleranz ist nicht konstruktiv gefordert. Offenheit, Ungenauigkeit sind notwendige Strategien geworden, um lässiger mit der harten Realität der Stadt umzugehen. Der Übergang der Maßstäbe ist oft fließend. Städtebauliche Fragestellungen verlangen nach architektonischen Lösungen, architektonische Aufgaben suchen nach einer städtebaulichen Antwort. Oft fällt uns gar nicht auf, dass wir die beiden Begriffe Architektur und Städtebau wie Synonyme nutzen. Und doch wissen wir durch die tägliche Arbeit als Planende vom problematischen dialektischen Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen, der Architektur zum Städtebau.

Archäolog*innen der Stadt
Im Entwurf schätzen wir die direkte Auseinandersetzung mit dem Kontext. Wie Archäolog*innen interessieren uns die einzelnen Schichten, die im Werden einer Stadt im Lauf der Zeit zurückgeblieben sind. Oft sind es gerade die komplexen Geometrien, die verqueren Situationen und Paradoxien der heutigen Stadtlandschaft, von denen wir uns angezogen fühlen. Wir stellen uns den Widersprüchen und nutzen die Spannungen als Mittel für den architektonischen Ausdruck. Es entsteht ein Realismus, der die Stadt abtastet, ohne sich ihr willenlos zu unterwerfen. Der Ort entsteht erst im Kopf. Der Entwurf bleibt eine Auseinandersetzung mit den Bildern unseres kollektiven Gedächtnisses, den realen Bedingungen des Planens. Er nutzt das Vorhandene als Steinbruch für die Konstruktion der neuen Wirklichkeit. So spricht die Architektur.

Räume lesbar machen
Dabei sind wir weit entfernt von der Hybris der heroischen Moderne. Städtebau als architektonische Disziplin bedeutet für uns nicht mehr, eine Gesamtordnung vorzuschlagen. Weder können, noch wollen wir paradigmatische Entwürfe entwickeln. Jeder Entwurf ist für uns eine eigene Lösung, eine spezifische Antwort im Ringen um architektonischen Ausdruck. Wir interessieren uns stärker dafür, den sich wandelnden Wertekanon zu definieren und dafür, immer wieder neue Entwurfsstrategien zu entwickeln. Das Beharren auf Städtebau als architektonischer Disziplin beruht in unserer Gewissheit, dass die Architektur, respektive auch die Landschaftsarchitektur und der Städtebau alleine das Vermögen haben, Räume wieder lesbar, nachvollziehbar zu machen, ohne ihnen das Besondere, das Enigmatische zu nehmen, was am Ende den Charme und die Poesie des Ortes ausmacht.

Dialog der Disziplinen
Im Entwurf entsteht oft ein intensiver Dialog zwischen Landschaftsarchitektur, Ingenieurwesen, Kunst, Bühnenbild, Grafik. Je nach Aufgabe wechseln die Sparringspartner, je nach Schwerpunkt wechselt die Führungsposition. Die Architektur ist Teil des Ganzen, eine von vielen Generalist*innen, auf der gemeinsamen Suche nach einer räumlichen Vorstellung.
Der Planungsprozess der Stadtplanung selbst ist ein komplexer Abwägungsprozess. Die Expertise der Kolleg*innen aus anderen Disziplinen, ihr spezielles Wissen und ihre besonderen Fähigkeiten, die Ideen der beteiligten Bürger*innen, Bauherr*innen und Politiker*innen sind uns wichtig.
Gleichzeitig erarbeiten wir unsere Entwürfe abgeschirmt von den äußeren Einflüssen in internen Diskussionen. Dieser Raum ist notwendig für den Entwurf. Wären wir gezwungen, in jeder Phase eines Projektes kompromissbereit und politisch klug zu agieren, wäre ein präzises, in sich schlüssiges Entwerfen nicht denkbar, unsere Arbeit jeglicher Innovationskraft beraubt.
So entsteht ein interaktiver Prozess, bei dem wir unsere Entwürfe, wie Argumente immer wieder neu in den Stadtplanungsprozess einbringen. Jeder Entwurf ist dabei nur ein Vorschlag. Viele scheitern, aber für uns ist das Teil des iterativen Entwurfsprozesses. Den Anspruch, die verschiedenen Anforderungen nicht nebeneinander, sondern in eine konsistente, städtebauliche Vorstellung zu integrieren, nehmen wir nicht zurück. Und so sehen wir uns oft gezwungen, weitere Entwürfe einzubringen.

Offene Prozesse als Qualität
Aus diesem Grund suchen wir nach Entwurfsstrategien, die den Prozess für uns möglichst lange offenhalten. Eine gewisse Langsamkeit wird für uns zum Vorteil. Wir bekommen Zeit, zuzuhören, alle anderen die Zeit, Ideen reifen zu lassen, sich langsam in die Vorstellungen hineinzudenken und inhaltlich aufeinander zuzugehen.
Am Anfang definieren unsere Konzepte so etwas wie das Skript einer Raumfolge: vom öffentlichen Raum, der Straße oder dem Platz, bis zum Privatraum; vom Treppenhaus über die Wohnung bis zum Balkon. So entsteht ein konzeptionelles Grundgerüst, ähnlich wie sich im Film eine Szenografie des Alltags bildet. Nach und nach kristallisieren sich in Zeichnungen und Modellen die Übergänge. Die Schwellenräume definieren sich und trotzdem bleibt vieles noch offen, ist verschiebbar und offen für spätere Interpretationen oder Eingriffe.
Im Entwurf haben wir eine Vorliebe für komplexe Formen. Baukörper wachsen schnell zu Konglomeraten an, einzelne Figuren werden verdreht, damit sie genau an diesem Platz stehen können, die Ecke definieren, die verschiedenen Richtungen aufnehmen. So sind viele der Formen offene Formen – vielschichtig, unrein, unscharf, anti-klassisch, anti-typologisch, informell, nicht kausal, fragmentiert, semantisch schwach determiniert. Mit dieser Unbestimmtheit bleiben sie offen für Interpretationen und können sich im Prozess noch wandeln. Diese Ambivalenz und Vielschichtigkeit schätzen wir als Qualität. Sie entspricht der Aufgabe im Städtebau, immer Haus und Stadt, Körper und Raum im Zusammenhang zu denken. Gleichzeitig scheint es uns auch als angemessene Antwort auf die Widersprüchlichkeit unserer Gesellschaft.

Leidenschaft bis in die Details
Städtebau bedeutet für uns immer auch Bauen. Parallel zu jedem Strich, den wir zeichnen, materialisieren sich automatisch die Gedanken. Aus den Tiefen unserer Erinnerungen steigen die Bilder auf. Fotos einzelner Häuser, ganzer Straßenzüge oder kleine Fassadendetails hängen plötzlich an der Atelierwand. Ziegel, Steine oder Keramiken liegen auf einmal neben Modellen. Als Referenzen greifen sie in den Entwurf ein, bedrängen die nüchternen Zahlen und technischen Anforderungen. Andererseits bieten sie auch Lösungen an. Bei genauerem Studium entschlüsselt sich plötzlich die Poesie eines Grundrisses und gibt Antworten auf aktuelle Fragestellungen. Schnell werden die offenen Formen aber auch zu einer Herausforderung. Komplexe Baukörper und Figuren wollen belegt sein. So begeben wir uns in eine intensive Grundrissarbeit, nutzen die oft starren Anforderungen als Grundlage, um uns in Varianten an den eigenen städtebaulichen Ideen abzuarbeiten. Selbst im Kleinsten, im Detail erfordert Bauen eine fast körperliche Anstrengung.
Diese Leidenschaft verbindet uns mit dem Städtebau als architektonischer Disziplin. Diskussionen über das Eckproblem der Fassade mögen für einige akademisch wirken, aber in der Realität des Bauens verfolgen uns diese Themen wochenlang. Sind die einfachen Dinge, der gelungene Dachabschluss oder das einfache Fenster Motivation an sich. Trotz des Aufwandes und des anhaltenden Risikos zu scheitern, wollen wir die Erfahrung nicht missen, wenn der Städtebau zu einem Teil der gebauten Stadt wird. Wenn er eingeht in die Verstrickungen des Alltags, im Gebrauch unerwartete Reaktionen hervorruft. Dann wird uns die Bedeutung und die Verantwortung unseres Handelns bewusst. Wird der Realismus Realität.

Das Bauen am Gemeinwesen an sich
Städtebau bedeutet nicht nur das Weiterbauen an der Stadt als Artefakt, sondern ein Bauen am Gemeinwesen an sich. Dem Selbstverständnis der europäischen Stadt zufolge ist nicht zuletzt der öffentliche und allen Bürger*innen frei zugängliche Raum ihr konstituierendes Element. An dieser Wertvorstellung halten wir fest.
Dabei werden wir immer wieder neu definieren müssen, welche Programme und welche Räume für öffentliche Gebäude und Stadträume notwendig sind, um die Idee der Inklusion weiterhin aufrechtzuerhalten. Und wir werden neu fragen müssen, welchen architektonischen Ausdruck wir brauchen, um aus den einzelnen architektonischen Ideen der letzten Jahre wieder eine verbindliche städtische Architektur für den öffentlichen Raum zu schaffen. Eine Architektur, die die Frage nach dem alltäglichen Gebrauch der Stadt und ihrer Nutzbarkeit für alle in den Vordergrund stellt; und die gleichzeitig ein Selbstverständnis besitzt für die Notwendigkeit besonderer gebauter Momente der Repräsentation.

„Ich verlange den Widerspruch meiner Zeit voll zu leben, der aus einem Sarkasmus die Bedingung für die Wahrheit machen kann.“
Roland Barthes. Mythen des Alltags, Paris 1956

Die Kraft des Entwurfs
Die Widersprüche der Moderne aus dem Zitat von Roland Barthes haben sich nicht einfach aufgelöst. Die vorläufigen Grenzen unseres hedonistischen Lebensstils werden immer deutlicher. Wir müssen den Sarkasmus unseres Lebensstils offenlegen und uns der Realität stellen. Denn wir ahnen, dass wir alles ändern müssen, um das Ganze zu erhalten. Als Architekt*innen kennen wir die Kraft, die ein Entwurf entfalten kann, wenn es ihm gelingt, die Dialektik zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich, zwischen Architektur und Stadt als Widersprüche aufzulösen und diese Gegensätze im Raum zu einer Architektur zu synthetisieren. Mit unserem geschärften Wirklichkeitssinn müssen wir uns wieder den Möglichkeiten zuwenden, Räume zu öffnen und Utopien zu formen.

Utopischer Gehalt und architektonischer Ausdruck
In der Krise reicht es nicht mehr aus, entweder zu politisieren oder die bestehenden Verhältnisse zu ästhetisieren. Nur wenn wir gemeinsam mit Kolleg*innen Vorstellungen für die Zukunft entwickeln, können wir wieder unseren Gestaltungsanspruch erheben und können wieder darauf hoffen, einen architektonischen Ausdruck zu definieren, der zum Common Sense für alle wird. Es ist der utopische Gehalt, der die Architektur vom Gebauten, den Städtebau von Stadtplanung unterscheidet. Nicht das gebaute Detail, sondern die mit dem architektonischen Ausdruck definierte Idee begründen unsere Disziplin.


Text von Andreas Garkisch